Im Valeo-Werk in Ebern werden schon wieder Stellen gestrichen. Kaum hatte sich das Werk von früheren Abbaurunden einigermaßen erholt, folgte Mitte Januar 2026 die nächste Hiobsbotschaft. Der Automobilzulieferer informierte die Beschäftigten darüber, dass der Standort Ebern erneut massiv betroffen ist. Insgesamt sollen dort 134 Arbeitsplätze wegfallen. Besonders schwer wiegt dabei, dass die Entwicklungsabteilung vollständig geschlossen werden soll – ein Einschnitt, der weit über einen klassischen Stellenabbau hinausgeht und die Zukunft des Werks wohl grundsätzlich in Frage stellt.
Nach Angaben der IG Metall entfallen 109 der betroffenen Stellen auf den Bereich Forschung und Entwicklung. Lediglich 37 der Beschäftigten aus diesem Segment erhalten das Angebot, an den Valeo-Standort Erlangen zu wechseln. Für die übrigen gibt es nach derzeitigem Stand wohl (noch?) keine internen Alternativen. Die Gewerkschaft spricht von einer neuen Dimension des Personalabbaus, da erstmals eine komplette Abteilung aufgegeben werde. In der Vergangenheit habe es zumindest sozialverträgliche Lösungen gegeben, etwa über Altersteilzeit oder den Übergang in die Rente. Diese Spielräume seien nun deutlich enger.
Die Ankündigung reiht sich in eine Entwicklung ein, die den Standort Ebern seit Jahren prägt. Bereits in den vergangenen zwei Jahren wurden dort rund 280 Arbeitsplätze abgebaut. Insgesamt läuft der Schrumpfungsprozess nach Einschätzung der Arbeitnehmervertreter seit etwa sechs Jahren kontinuierlich. Aus Sicht der IG Metall habe man frühzeitig auf strukturelle Probleme hingewiesen und wiederholt gefordert, neue Produkte und Zukunftsfelder nach Ebern zu holen. Insbesondere im Bereich der Elektromobilität habe es Chancen gegeben, den Standort breiter aufzustellen. Doch Ebern sei historisch stark vom Verbrennungsmotor abhängig geblieben, ohne dass der Konzern ausreichend gegengesteuert habe.
Kritik äußert die Gewerkschaft auch an internen Faktoren. Hohe Kostenstrukturen, eine ausgeprägte Bürokratie und ineffiziente Abläufe hätten die Wettbewerbsfähigkeit des Werks zusätzlich belastet. Vor diesem Hintergrund wächst die Sorge, dass die aktuelle Entscheidung eine weitere Etappe auf dem Weg zu einer vollständigen Schließung sein könnte. Ohne eigene Entwicklung stelle sich zwangsläufig die Frage, welche Produkte künftig überhaupt noch in Ebern gefertigt werden sollen.
Überrascht zeigten sich auch die Kommunalpolitiker in der Region. Sowohl der Eberner Bürgermeister als auch der Landrat des Landkreises Haßberge erklärten, erst am Mittag des 15.1.26 von der Entscheidung erfahren zu haben. Offenbar habe es seit längerer Zeit keinen engen Austausch mehr mit der Konzernspitze gegeben. Dass eine Maßnahme dieses Ausmaßes ohne vorherige politische Einbindung verkündet wurde, sorgt in der Region für Irritationen. Gerade vor dem Hintergrund der Bedeutung des Standorts als Arbeitgeber wird deutlich, wie angespannt das Verhältnis zwischen Konzernzentrale und lokaler Ebene inzwischen ist.
Der Stellenabbau in Ebern ist dabei Teil einer deutlich größeren Umstrukturierung bei Valeo in Deutschland. Zeitgleich kündigte das Unternehmen an, seinen Standort in Bad Neustadt vollständig zu schließen. Dort verlieren 143 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz, weitere 40 erhielten ebenfalls das Angebot, nach Erlangen zu wechseln. Auch an anderen Standorten fallen Jobs weg. Nach Angaben des Unternehmens sollen in Erlangen 158 Stellen abgebaut werden, in Bad Rodach seien laut Berichten sogar 230 Arbeitsplätze betroffen. Die Maßnahmen treffen damit mehrere Regionen gleichzeitig und verstärken den Eindruck eines umfassenden Sparkurses.
Besonders drastisch ist die Situation auch im thüringischen Mühlhausen. Dort plant Valeo die komplette Schließung des Werks mit 163 Beschäftigten. Als Hauptgrund nennt der Konzern anhaltende Verluste bei der Produktion von Kupplungs- und Lenkleitungen sowie Bremsschläuchen für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Diese Produktbereiche seien nicht mehr rentabel, weshalb man die Reißleine ziehen müsse, um die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens insgesamt zu sichern. Der genaue Zeitpunkt der Schließung steht zwar noch nicht fest, für die Belegschaft bedeutet die Ankündigung jedoch bereits jetzt große Unsicherheit.
Die Begründung verweist auf ein zentrales Problem vieler Zulieferer: den tiefgreifenden Wandel der Automobilindustrie. Mit dem Rückgang klassischer Verbrennertechnologien verlieren ganze Produktionszweige an Bedeutung. Während Valeo an anderen Standorten gezielt in neue Technologien investiert, bleiben traditionelle Werke besonders unter Druck. Dass der Konzern gleichzeitig an bestimmten Orten Stellen abbaut und an anderen öffentlich geförderte Forschungsprojekte vorantreibt, verstärkt die Diskussion über eine ungleiche Standortpolitik.
Ein Beispiel dafür ist Bad Rodach. Dort erhielt Valeo im Herbst 2025 eine Förderung des Freistaats Bayern in Höhe von 3,6 Millionen Euro. Das Geld ist für Forschung und Entwicklung vorgesehen, insbesondere für Wärmepumpensysteme für Autos und Lastwagen sowie für neues Prüfstandsequipment. Der politische Einsatz vor Ort scheint hier erfolgreich gewesen zu sein, zumindest vorerst Arbeitsplätze zu sichern und Zukunftstechnologien anzusiedeln. In Ebern hingegen fehlen vergleichbare Zusagen – ein Umstand, der in der Region mit Unmut beobachtet wird.
Der Blick zurück zeigt, dass Ebern einst als Teil eines erfolgreichen Unternehmens galt. Der Standort geht auf die frühere Fahrzeug Technik Ebern (FTE) zurück, die 1993 vom Schweinfurter Wälzlagerhersteller FAG Kugelfischer abgespalten wurde. Nach mehreren Eigentümerwechseln und der Phase unter verschiedenen Finanzinvestoren wurde das Unternehmen 2016 vom französischen Zulieferer Valeo übernommen. Damals wurde der Kauf als strategisch sinnvoll dargestellt, da die Eberner Komponenten gut zur Ausrichtung auf CO₂-Reduktion und automatisierte Getriebe passten. FTE galt zu dieser Zeit als profitabel und wachstumsstark, mit Tausenden Beschäftigten und einem hohen operativen Gewinn.
Zehn Jahre später ist von diesem Optimismus wenig übrig. Die Integration in den internationalen Konzern hat zwar neue Strukturen gebracht, zugleich aber offenbar auch Entscheidungswege verlängert und regionale Besonderheiten in den Hintergrund gedrängt. Für viele Beschäftigte ist der aktuelle Stellenabbau deshalb mehr als eine betriebswirtschaftliche Maßnahme – er wird als Zeichen gewertet, dass der Standort Ebern im Konzernverbund an Bedeutung verloren hat.
Entsprechend tief sitzt der Schock bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Viele hatten gehofft, dass nach den Einschnitten der vergangenen Jahre zumindest eine Phase der Stabilisierung folgen würde. Stattdessen sehen sie sich erneut mit der Frage konfrontiert, wie es beruflich und privat weitergehen soll. Die angebotenen Wechsel nach Erlangen kommen nur für einen Teil infrage, da ein Umzug oder lange Pendelstrecken nicht für alle machbar sind.
Während Valeo betont, mit den Maßnahmen auf veränderte Marktbedingungen reagieren zu müssen, wächst in der Region die Sorge um die industrielle Substanz. Der Fall Ebern zeigt, wie stark strukturelle Entscheidungen internationaler Konzerne lokale Arbeitsmärkte treffen können – oft abrupt und mit weitreichenden Folgen für ganze Landstriche.

Kommentare
Kommentar veröffentlichen