Es war in den 1860er-Jahren. In der Karwoche herrschte in den engen Gassen von Ebern eine andächtige, fast unheimliche Stille. Für die kleine Lotte war der Karfreitag der traurigste Tag des Jahres. Denn pünktlich zum Gloria am Gründonnerstag waren die Glocken der Stadtpfarrkirche St. Laurentius verstummt. „Mutter, wo sind die Glocken hin?“, fragte Lotte jedes Jahr aufs Neue. Und die Mutter antwortete stets mit dem alten Glauben: „Sie sind nach Rom geflogen, Lotte, um dort den Ostersegen zu holen. Aber hab Geduld, in der Osternacht kehren sie zurück und bringen die Ostereier mit!“ Da die Glocken nicht läuten durften, um die Gläubigen zur Kirche zu rufen, zogen die Eberner Buben mit hölzernen Ratschen und Klappern durch die Straßen. Ihr lautes „Ratsch, ratsch, zum englischen Gruß!“ hallte vom Grauturm bis hinunter zur Spitalkirche. Am Karsamstag hielt es Lotte vor Aufregung kaum aus. Doch dieses Jahr war der Frühling streng. Ein eisiger Ostwind fegte durch den Baunachgrund, und die Erwac...
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