Es gibt in jeder Kleinstadt diesen einen Moment im Jahr, in dem man merkt, dass sich etwas verändert hat. Nicht unbedingt politisch, obwohl gerade Wahlkampf ist. Auch nicht meteorologisch, obwohl die Temperaturen langsam zweistellig werden. Sondern atmosphärisch. In Ebern etwa kündigt sich dieser Moment derzeit gleich doppelt an: durch Wahlplakate an Laternenpfählen – und durch die leise Vorfreude auf das Würzburger Frühlingsvolksfest [➚], das wenige Tage später seine Tore öffnet.
Man könnte meinen, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. Kommunalwahl hier, Zuckerwatte dort. Doch wer genauer hinsieht, erkennt schnell: Zwischen Wahlkampf und Volksfest liegen weniger Unterschiede, als man zunächst glauben möchte.
Am 8.3.26 wird in Ebern gewählt. Kommunalwahl. Demokratie auf Augenhöhe, wie es gerne heißt. Die Kandidatinnen und Kandidaten lächeln seit Wochen von Plakaten, die sich durch eine bemerkenswerte Konstanz auszeichnen: gleiche Aufmachung, ähnliche Slogans, identische Kopfneigungen. Die Gestaltung folgt offenbar einem ungeschriebenen Gesetz kommunalpolitischer Ästhetik – möglichst unauffällig, möglichst solide, möglichst frei von Überraschungen. Fantasie ist im Wahlkampf schließlich ein Risiko, könnte man vermuten.
Dabei leben wir längst im digitalen Zeitalter. Theoretisch stünden den Wählerinnen und Wählern unzählige Möglichkeiten offen, sich zu informieren. Webseiten, soziale Netzwerke, Interviews, Videos, Kommentare – ein Überangebot politischer Selbstdarstellung. Gleichzeitig besteht aber auch die Möglichkeit, sich ebenso gründlich zu desinformieren. Wer sich durch die Onlineprofile der Kandidaten klickt, erfährt zwar einiges über Hobbys, Vereinsmitgliedschaften und gelegentliche Spaziergänge durch die Altstadt, doch die entscheidende Frage bleibe oft erstaunlich diffus: Wessen Interessen werden diese Menschen eigentlich vertreten, wenn die Wahl vorbei ist?
Vielleicht liegt genau darin die stille Verwandtschaft zum Volksfest. Denn auch dort weiß man im Grunde ziemlich genau, was einen erwartet – und geht trotzdem jedes Jahr wieder hin. Sobald sich das Würzburger Frühjahrsvolksfest ankündigt, gilt das in Unterfranken als verlässlicheres Frühlingszeichen als jede Wetter-App. Ab dem 14.3.26 verwandelt sich die Talavera in Würzburg erneut in einen Ort kollektiver Erwartung: Fahrgeschäfte drehen sich, Livemusik erklingt täglich im Festzelt, und irgendwo zwischen gebrannten Mandeln und Autoscooter beginnt der Winter endgültig an Bedeutung zu verlieren.
Es sei das erste große Volksfest Bayerns und ganz Süddeutschlands im Jahr, heißt es aus Veranstalterkreisen. Eine Art gesellschaftlicher Neustart nach den dunklen Monaten. Bis zum 29.3.26 dauert das Spektakel, und wer den Kalender studiert, erkennt schnell eine gewisse organisatorische Präzision, die fast an Wahlordnungen erinnert. Öffnungszeiten sind exakt festgelegt, Familientage strategisch platziert, Preisnachlässe sorgfältig terminiert. Mittwochs etwa locken halbe Fahrpreise – ein Angebot, das vermutlich jede politische Partei sofort übernehmen würde, ließe sich Demokratie ähnlich rabattieren.
Währenddessen trotzen in Ebern die Wahlplakate weiterhin Wind und Wetter. Manche wirken bereits leicht schief, andere wurden von Vögeln dekoriert oder vom Alltag übersehen. Sie erinnern daran, dass politische Kommunikation oft ähnlich funktioniert wie ein Riesenrad: Man bewegt sich sichtbar, doch am Ende landet man wieder ungefähr dort, wo man begonnen hat.
Und während viele Bürgerinnen und Bürger noch überlegen, wem sie ihre Stimme geben sollen, scheint eine andere Nachricht fast größere Erleichterung auszulösen: Beim Bierpreis auf dem Frühlingsvolksfest wird voraussichtlich kein Preissprung erwartet. Stabilität, so zeigt sich, bleibt ein universelles Wahlversprechen – ob im Rathaus oder im Festzelt.

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