„Hauskino“ für Ebern: In Bamberg trifft Triegel auf Cranach



Noch bis zum 10.2.26 zeigt das Bamberger Kino „Lichtspiel“ [➚] den Dokumentarfilm „Triegel trifft Cranach“. Für Besucherinnen und Besucher aus dem Raum Ebern ist das Programmkino längst zu einer Art Hauskino geworden, nicht zuletzt wegen der guten Bahnanbindung. Mit dem Film holt das Lichtspiel eine Produktion auf die Leinwand, die sich intensiv mit einem außergewöhnlichen Kunstprojekt und seinem Protagonisten auseinandersetzt.

Im Zentrum des Films steht der Leipziger Maler Michael Triegel, den der Regisseur Paul Smaczny über mehrere Jahre hinweg begleitet hat. Smaczny, der unter anderem mit dem Film „Die Thomaner“ bekannt wurde, verfolgt dabei nicht nur den äußeren Entstehungsprozess eines Gemäldes, sondern versucht, Triegels Denken, seine ästhetischen Überzeugungen und seine religiösen Fragen sichtbar zu machen. Der Film öffne, so die Ankündigung des Kinos, die Türen des Ateliers und gewähre Einblick in das innere Ringen eines zeitgenössischen Künstlers, der sich bewusst gegen viele Trends der Gegenwart stellt.

Triegel gilt als Ausnahmeerscheinung innerhalb der sogenannten Leipziger Schule. Während viele seiner Kolleginnen und Kollegen, darunter auch sein Freund Neo Rauch, einen stark symbolistischen und oft surrealen Bildkosmos entwickelt haben, orientiert sich Triegel konsequent an den Alten Meistern. Er selbst nennt Michelangelo, Raffael und Albrecht Dürer als prägende Vorbilder. Seine Malerei ist figürlich, präzise und von einer handwerklichen Strenge geprägt, die im heutigen Kunstbetrieb eher selten geworden ist. Genau diese Haltung brachte ihm im Jahr 2020 einen Auftrag ein, der in seiner Dimension ebenso reizvoll wie riskant war.

Triegel sollte den zerstörten Mittelteil des Marienaltars im Naumburger Dom neu gestalten. Das ursprüngliche Gemälde stammte von Lucas Cranach dem Älteren, einem der bedeutendsten Künstler der deutschen Renaissance. Doch bereits im 16. Jahrhundert fiel die Mitteltafel einem Bildersturm zum Opfer, der im Zuge der Reformation stattfand. Während die Seitenflügel des Altars erhalten blieben, existieren von der zentralen Darstellung der Gottesmutter mit dem Kind keinerlei Vorlagen oder Beschreibungen. Triegel stand somit vor der paradoxen Aufgabe, ein „neues altes“ Bild zu schaffen: formal eingebettet in ein Werk aus der Zeit Cranachs, zugleich aber ohne historische Vorgabe.

Der Film begleitet diesen Prozess von den ersten Überlegungen bis zur Fertigstellung. Dabei zeigt Smaczny Triegel nicht als entrücktes Genie, sondern als zweifelnden, tastenden Arbeiter. Eine Szene, die in Rezensionen besonders hervorgehoben wurde, führt in eine Leipziger Metzgerei. Dort kauft sich der Maler zwei Kalbsköpfe, die ihm als Vorlage dienen sollen. Während er später den Schädel auf Holz malt, denke er laut über das Verhältnis von Schönheit und Schrecken in der Kunst nach und zitiere eine Zeile Rainer Maria Rilkes, wonach das Schöne nur der Anfang des Schrecklichen sei, den der Mensch gerade noch ertrage. Solche Momente verdeutlichen, dass Triegels Kunst nicht aus abstrakten Theorien entsteht, sondern aus konkreter Anschauung.

Der Künstler beschreibt sich im Film selbst als eher ängstlichen Menschen, der dennoch gerne Horrorfilme schaue, weil dort klar sei, wovor man sich fürchte. Vor dem monumentalen Auftrag im Naumburger Dom sei er allerdings nicht zurückgeschreckt. Vielmehr habe ihn gerade die Herausforderung gereizt, sich an Cranach messen zu müssen, ohne ihn imitieren zu können. Fünf Jahrhunderte lägen zwischen beiden Künstlern, und doch müsse das neue Bild so wirken, als gehöre es selbstverständlich zum bestehenden Altarensemble.

Neben der Mitteltafel gestaltete Triegel auch den Unterbau des Altars. Auf der Vorderseite kombinierte er die klassischen Symbole des letzten Abendmahls – Brot und Weinkaraffe – mit einem Menschen- und einem Tierschädel. Auf der Rückseite zeigt er das leere Grab mit Leichentuch, Dornenkrone und Kreuznägeln. Zwar taucht die Darstellung des auferstandenen Christus auf der Rückseite der Mitteltafel im Film immer wieder kurz auf, doch der Schwerpunkt liege klar auf der Vorderseite mit Maria und dem Jesuskind. Diese Gewichtung könne, so eine Deutung, als eine Art historische Korrektur verstanden werden, da gerade Marienbilder einst im Fokus der ikonoklastischen Zerstörung standen.

Der Film bettet Triegels Arbeit immer wieder in historische Zusammenhänge ein. So wird an den Bildersturm von 1541 erinnert, der mit der Einführung der Reformation in Naumburg verbunden war. Der Theologe Nikolaus Medler habe damals gezielt Marienbilder bekämpft und mit bewaffneten Anhängern den Dom betreten, um den Mittelteil des Altars herauszureißen. Von Cranachs Gemälde blieb nichts zurück. Für Triegel sei dieser Verlust ambivalent: historisch ein Akt der Gewalt, für seine eigene Arbeit jedoch auch eine Befreiung, da er ohne Vorgaben beginnen konnte.

Smaczny begleitet den Maler nicht nur im Atelier, sondern auch auf Reisen nach Italien. Stationen in Florenz, Rom und Mailand verdeutlichen Triegels enge Bindung an die Kunst der Renaissance. Der Film zeichnet dabei auch biografische Linien nach. Triegel wurde in Erfurt geboren und lebte bis zum Abitur in der DDR. Erst mit der politischen Wende eröffnete sich für ihn die Möglichkeit zu reisen. Das Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, das er 1990 begann, habe er rückblickend als Offenbarung erlebt. Die unmittelbare Begegnung mit den Originalen der italienischen Meister habe seine künstlerische Haltung nachhaltig geprägt.

Ein weiterer Akzent des Films liegt auf Triegels Religiosität. Eine Karfreitagsprozession auf der Insel Procida im Golf von Neapel wird zu einem eindrücklichen Bild für die spirituelle Dimension seines Schaffens. Triegel war ursprünglich evangelisch und ließ sich 2014 in der Dresdner Hofkirche katholisch taufen. Der Film thematisiert diesen Konfessionswechsel ohne Pathos, zeigt ihn jedoch als wichtigen Hintergrund für das Verständnis seiner Kunst, insbesondere für einen Auftrag, der so eng mit kirchlicher Tradition verbunden ist.

Charakteristisch für Smacz­nys Inszenierung ist der Wechsel zwischen Innen- und Außenszenen. Das Atelier erscheint als Ort der Konzentration und des Ringens, während die Außenaufnahmen – Reisen, Gespräche, Alltagsbeobachtungen – zeigen, woher die Impulse kommen. Der Film macht deutlich, dass Triegels Bildideen nicht im luftleeren Raum entstehen. Oft seien es alltägliche Dinge, Gesichter oder Begegnungen, die in die Komposition einfließen.

Obwohl sich Triegel stilistisch an Cranach orientieren musste, entschied er sich, die Figuren auf der Vorderseite nach lebenden Menschen zu gestalten. Für das Jesuskind stand ein Säugling Modell. Maria trägt die Züge seiner damals 16-jährigen Tochter Elisabeth, die heilige Anna ähnelt seiner Ehefrau Christine Salzmann bis ins fein gemalte Haar. Auch die weiteren Heiligenfiguren haben konkrete Vorbilder. Auf Anregung der Vereinigten Domstifter habe Triegel den Theologen und NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer ins Bild aufgenommen. Daneben tauchen ein Obdachloser mit Basecap und ein Rabbiner auf – Figuren, die den historischen Rahmen bewusst öffnen und in die Gegenwart hinein verlängern.

Zu jeder dargestellten Person habe der Künstler eine Geschichte zu erzählen, was der Film ausführlich nutzt. Smaczny verzichtet weitgehend auf klassische Interviewformate mit vielen externen Expertinnen und Experten. Stattdessen entsteht ein dialogischer Diskurs, in dem Kunsthistoriker und Theologen mit Triegel ins Gespräch kommen. Besonders lebendig wirkt eine Szene, in der Arbeiter während des Aufbaus des Altars im Naumburger Dom mit dem Maler diskutieren. Hier prallen handwerkliche, religiöse und ästhetische Perspektiven unmittelbar aufeinander.

„Triegel trifft Cranach – Malen im Widerstreit der Zeiten“ ist als deutscher Dokumentarfilm 2025 entstanden und kommt auf eine Laufzeit von 107 Minuten. Neben Michael Triegel selbst treten unter anderem Neo Rauch, Elisabeth Triegel und Christine Salzmann vor die Kamera. Die Altersfreigabe liegt bei null Jahren, der offizielle Kinostart ist für den 5. Februar 2026 angegeben. Dass der Film im Bamberger Lichtspiel zu sehen ist, unterstreicht den Anspruch des Kinos, auch anspruchsvolle kunst- und kulturhistorische Stoffe einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

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