Hospiz statt Krankenhaus? Ein Vorschlag wird zum Wahlkampfthema in Ebern


Im Wahlkampf um das Bürgermeisteramt in Ebern rückt ein Thema in den Vordergrund, das gewöhnlich fernab politischer Zuspitzung verhandelt wird: die Idee, in der Stadt Ebern ein stationäres Hospiz einzurichten. Sowohl der amtierende Bürgermeister und SPD-Kandidat Jürgen Hennemann als auch sein Herausforderer Harald Pascher von FDP und Freien Bürgern werben öffentlich mit dem Vorschlag, das stillgelegte Krankenhaus in Ebern künftig für diese Aufgabe zu nutzen. Damit erhält ein sensibles gesellschaftliches Thema eine politische Bühne, obwohl bislang weder Rahmenbedingungen noch konkrete Fakten geklärt sind.

Ausgangspunkt der Debatte ist das ehemalige Krankenhausgebäude in Ebern, das nach der Schließung zum 31.12.25 weitgehend leer steht. Eigentümerin beziehungsweise Verfügungsberechtigte sind die Haßberg-Kliniken, deren wirtschaftliche Lage seit Jahren angespannt ist. Vor diesem Hintergrund greift Bürgermeister Hennemann im aktuellen Wahlkampf erneut eine Idee auf, die er bereits zuvor ins Gespräch gebracht hatte. Im Mitteilungsblatt der Verwaltungsgemeinschaft Ebern vom 6.2.26 bekräftigte er seinen Vorschlag, in der Immobilie ein Hospiz einzurichten. Konkrete Schritte, Zeitpläne oder belastbare Finanzierungsmodelle nannte er dabei jedoch nicht.

Hennemann argumentierte schon zuvor, viele Patientinnen und Patienten, die früher in Ebern palliativmedizinisch im Krankenhaus versorgt worden seien, hätten eigentlich eine hospizliche Betreuung benötigt. Mangels entsprechender Angebote in der Region seien diese Menschen auf der Krankenhausstation in Ebern behandelt worden. Diese Einschätzung stellt jedoch seine persönliche Bewertung dar. Öffentliche Analysen, statistische Erhebungen oder Bedarfsprognosen, die diese Aussage stützen würden, sind bislang nicht bekannt. Ob und in welchem Umfang im Raum Ebern tatsächlich ein Bedarf für ein stationäres Hospiz besteht, müsste zunächst fachlich geprüft werden.

Gleichzeitig greift auch Herausforderer Harald Pascher den Hospizgedanken auf und platziert ihn als Teil seiner politischen Agenda. Damit wird ein Projekt skizziert, das in der öffentlichen Wahrnehmung leicht Zustimmung erzeugt, weil es mit Fürsorge, Menschlichkeit und Würde assoziiert wird. Dass sich hinter dem Begriff Hospiz jedoch ein hochkomplexes Versorgungskonzept verbirgt, das langfristige Planung, tragfähige Strukturen und erhebliche finanzielle Mittel erfordert, bleibt im politischen Schlagabtausch unausgesprochen.

Grundsätzlich gilt die Errichtung eines stationären Hospizes in Deutschland als anspruchsvolles Vorhaben. Zwar besteht vielerorts ein hoher Bedarf, die Umsetzung scheitert jedoch häufig an den Rahmenbedingungen. Eine zentrale Hürde ist die Finanzierung. Während die gesetzlichen Krankenkassen bis zu 95 Prozent der laufenden Betriebskosten übernehmen, müssen Investitionskosten für Bau oder Umbau anderweitig gedeckt werden. Gerade bei der Umnutzung bestehender Gebäude können schnell enorme Beträge anfallen, etwa für bauliche Anpassungen, Brandschutz, Barrierefreiheit und die Schaffung einer wohnlichen, zugleich pflegegerechten Atmosphäre.

Hinzu kommt, dass Hospize verpflichtet sind, einen Eigenanteil von rund fünf Prozent der laufenden Kosten selbst zu tragen. Dieser Anteil muss in der Regel über Spenden, Stiftungen oder andere freiwillige Zuwendungen finanziert werden. Die notwendige Spendenbereitschaft im Umfeld stellt für viele Projekte eine dauerhafte Herausforderung dar. Zwar ist der Bau eines Hospizes förderfähig – in Bayern beispielsweise mit Zuschüssen von bis zu 10.000 Euro pro Platz –, doch diese Mittel decken nur einen Bruchteil der tatsächlichen Investitions- und Startkosten ab.

Auch die Standortfrage ist keineswegs trivial. Neubauten oder größere Umbauprojekte stoßen erfahrungsgemäß nicht selten auf Vorbehalte in der Nachbarschaft, was Genehmigungsverfahren verzögern oder verteuern kann. In der Region wurde im Zusammenhang mit dem geplanten OP-Erweiterungsbau am Krankenhaus Haßfurt bereits über örtliche Widerstände kolportiert. Für ein Hospiz gelten darüber hinaus besondere architektonische Anforderungen: Die Räume sollen Geborgenheit vermitteln, gleichzeitig aber den hohen pflegerischen Standards entsprechen. Dies erfordert spezialisierte Planung und enge Abstimmung mit Fachbehörden.

Neben baulichen Aspekten spielen bürokratische und konzeptionelle Anforderungen eine entscheidende Rolle. Voraussetzung für den Betrieb eines stationären Hospizes ist ein detailliertes Versorgungskonzept, das die Zusammenarbeit von hauptamtlichen Pflegekräften, ärztlichem Personal und ehrenamtlichen Hospizhelferinnen und -helfern regelt. Zudem müssen Versorgungsverträge mit den Kassen abgeschlossen und durch den Medizinischen Dienst geprüft werden. Nicht zuletzt muss das Projekt zur regionalen Bedarfsplanung des Freistaats Bayern passen.

In Bayern gibt es zwar insgesamt nicht genügend stationäre Hospizplätze, um den von der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin empfohlenen Richtwert von zehn Plätzen pro 100.000 Einwohner zu erreichen. Gleichzeitig betont die Bayerische Staatsregierung, dass die qualitativ hochwertige und flächendeckende Palliativ- und Hospizversorgung gewährleistet sei. In einer Antwort [➚] des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege vom 7.3.17 heißt es entsprechend, dass in Bayern eine umfassende Versorgung bestehe. Diese Aussage bezieht sich jedoch auf das Gesamtsystem und sagt wenig über regionale Versorgungslücken oder den konkreten Bedarf im Raum Ebern aus.

Wichtig ist zudem die Unterscheidung zwischen stationären Hospizplätzen und Palliativbetten in Krankenhäusern. Letztere sind zahlenmäßig deutlich häufiger vorhanden, verfolgen aber ein anderes Versorgungskonzept. Grundsätzlich gilt im deutschen Gesundheitssystem der Grundsatz „ambulant vor stationär“. Erst wenn eine ambulante Betreuung durch Hospizdienste im häuslichen Umfeld nicht mehr möglich ist, kommt eine stationäre Unterbringung in Betracht. Voraussetzung dafür ist die sogenannte Hospizbedürftigkeit, die von einer Ärztin oder einem Arzt festgestellt und entsprechend bescheinigt werden muss.

Nun stellt sich noch die Frage nach einem geeigneten Träger für ein mögliches Hospiz in Ebern. Als solcher kommen mit hoher Wahrscheinlichkeit weder die Stadt Ebern noch die Haßberg-Kliniken in Betracht. Die Kommune ist rechtlich nicht für die Einrichtung oder den Betrieb eines Hospizes zuständig. Eine Beteiligung wäre allenfalls im Rahmen freiwilliger Leistungen denkbar, doch gilt die finanzielle Situation der Stadt als äußerst angespannt. Die Stadtkasse ist leer, größere Investitionen erscheinen kaum realistisch.

Auch die Haßberg-Kliniken dürften als Träger ausscheiden. Das Kommunalunternehmen arbeitet seit Jahren defizitär, die Verluste müssen regelmäßig vom Landkreis Haßberge ausgeglichen werden. Die Schließung des Krankenhauses in Ebern war Ausdruck dieser wirtschaftlichen Lage. Vor diesem Hintergrund erscheint es wenig plausibel, dass ausgerechnet dieses Unternehmen ein neues, kostenintensives Projekt übernehmen könnte. Gespräche, die Jürgen Hennemann nach eigenen Angaben mit dem Landrat und der Klinikvorständin geführt hat, können sich daher allenfalls auf die Rolle als Vermieter der Immobilie beziehen, nicht jedoch auf eine Trägerschaft.

Ein weiterer kritischer Punkt ist die Personalfrage. Schon heute ist es schwierig, qualifizierte Pflegekräfte mit Palliative-Care-Weiterbildung zu gewinnen. Stationäre Hospize sind zudem auf ein starkes ehrenamtliches Engagement angewiesen, das kontinuierlich aufgebaut und begleitet werden muss.

All diese Aspekte machen deutlich, dass die Einrichtung eines Hospizes ein langfristiges Projekt ist, dessen Realisierung Jahre in Anspruch nehmen kann. Es erfordert belastbare Konzepte, verlässliche Finanzierung, klare Zuständigkeiten und eine breite gesellschaftliche Unterstützung. In Ebern hingegen steht bislang lediglich eine Idee im Raum. Weder gibt es einen Träger, noch eine Bedarfsanalyse, noch ein Finanzierungsmodell. Trotzdem wird das Thema im Wahlkampf prominent platziert.

Zwischen den Zeilen entsteht dabei der Eindruck, dass ein hochsensibles Thema politisch instrumentalisiert wird. Ein Hospiz steht für die Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen in einer der verletzlichsten Phasen ihres Lebens. Es geht um Würde, Zuwendung und professionelle Fürsorge, nicht um symbolträchtige Projekte oder kurzfristige Aufmerksamkeit. Gerade weil das Thema so ernst ist, eignet es sich kaum für populistische Zuspitzungen oder unverbindliche Versprechen.

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