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Zwischen kunstvoll gestalteten Treppenhäusern vergangener Jahrhunderte und den schlichten Renovierungen der Nachkriegszeit zeigt sich ein deutlicher Wandel im Umgang mit Baukultur. Viele Verzierungen gingen verloren, oft zugunsten schneller und kostengünstiger Lösungen. Vor diesem Hintergrund gewinnt ein neues Bildungsangebot an Bedeutung, das traditionelle Techniken mit moderner Forschung verbinden will.
Die Hochschule Coburg, die Universität Bamberg und die Handwerkskammer für Oberfranken haben eine Kooperation vereinbart, aus der ein bundesweit neuartiger Studiengang hervorgeht. Unter dem Titel „Bau-Erhalt und traditionelle Werktechniken“ soll ab dem kommenden Wintersemester eine Ausbildung entstehen, die handwerkliche Praxis und akademische Lehre eng miteinander verzahnt. Vertreterinnen und Vertreter aller beteiligten Institutionen unterzeichneten hierzu eine entsprechende Vereinbarung und betonten dabei die besondere Struktur des Angebots.
Der neue Studiengang greift eine Entwicklung auf, die sich in der Bauwirtschaft seit einigen Jahren abzeichnet. Während Neubauten lange im Mittelpunkt standen, rücken zunehmend Sanierung, Umbau und der Erhalt bestehender Gebäude in den Fokus. Steigende Baukosten, knapper werdende Ressourcen und klimapolitische Anforderungen führen dazu, dass vorhandene Bausubstanz stärker genutzt und bewahrt werden soll. Gleichzeitig wird deutlich, dass hierfür spezielles Wissen erforderlich ist, das über klassische Bauausbildungen hinausgeht.
Ein Blick in die Geschichte verdeutlicht, wie viel Wissen bereits verloren gegangen ist. In vielen Jugendstilhäusern etwa waren Treppenhäuser einst reich mit Ornamenten und farbigen Wandmalereien ausgestaltet. Nach dem Zweiten Weltkrieg seien solche Details jedoch häufig überdeckt worden, weil schnelle und kostengünstige Renovierungen im Vordergrund standen, wie der Coburger Kirchenmaler und Kreishandwerksmeister erläutert. Damals habe man vielfach einfache Lösungen bevorzugt, etwa das Überkleben mit Raufaser. Dabei seien nicht nur die sichtbaren Gestaltungen verschwunden, sondern auch das Wissen um ihre Herstellung.
Der Kirchenmaler selbst greift auf Aufzeichnungen seines Urgroßvaters zurück, in denen etwa die Herstellung traditioneller Farben beschrieben wird. Dieses Wissen nutzte er bereits bei der Rekonstruktion historischer Malereien in Coburg. Nun steht er stellvertretend für eine Generation von Handwerkerinnen und Handwerkern, deren Fähigkeiten künftig systematisch vermittelt werden sollen. Der neue Studiengang versteht sich dabei nicht als rein theoretisches Angebot, sondern als Schnittstelle zwischen praktischer Erfahrung und wissenschaftlicher Reflexion.
Neben dem Bachelorabschluss erwerben die Studierenden zugleich einen Gesellenbrief. Damit soll eine doppelte Qualifikation entstehen, die sowohl akademische als auch handwerkliche Kompetenzen umfasst. Die Ausbildung findet an mehreren Standorten statt und verbindet Lehrveranstaltungen in Coburg und Bamberg mit praktischen Einsätzen im Handwerk.
An der Hochschule Coburg wird das Programm in die bestehende Fakultät Design und Bauen integriert. Dort ergänzt es Studiengänge wie Architektur und Bauingenieurwesen und erweitert das Profil um Themenfelder, die bislang weniger stark vertreten waren. Dazu zählt etwa das barrierefreie Bauen, das durch eine eigens eingerichtete Professur stärker in den Fokus rückt. Hochschulpräsident Stefan Gast sieht darin eine konsequente Weiterentwicklung der bisherigen Zusammenarbeit mit der Universität Bamberg, die bereits seit Jahren in gemeinsamen Studienangeboten erprobt wird.
Ein Beispiel hierfür ist der Masterstudiengang „Digitale Denkmaltechnologien“, der seit einem Jahrzehnt angeboten wird. Die Erfahrungen aus dieser Kooperation hätten gezeigt, dass sich wissenschaftliche und praxisorientierte Ansätze sinnvoll verbinden lassen, so Gast. Der neue Studiengang gehe nun einen Schritt weiter, indem er zusätzlich die handwerkliche Ausbildung integriert und damit eine noch engere Verzahnung unterschiedlicher Wissensbereiche ermöglicht.
Auch die Universität Bamberg bringt ihre Expertise gezielt ein. Insbesondere das Kompetenzzentrum für Denkmalwissenschaften und Denkmaltechnologien spielt eine zentrale Rolle. Universitätspräsident Kai Fischbach beschreibt die Zusammenarbeit als fachlich und menschlich eng abgestimmt. Die Verbindung von Forschung, Lehre und praktischer Anwendung sei dabei von besonderer Bedeutung. Wissenschaftliche Erkenntnisse könnten unmittelbar in die Ausbildung einfließen und dort angewendet werden, während gleichzeitig Impulse aus der Praxis in die Forschung zurückwirkten.
Diese Wechselwirkung gilt als zentrales Element des Studiengangs. Sie erinnert an historische Vorbilder wie die Dombauhütten, in denen verschiedene Gewerke eng zusammenarbeiteten und Planung sowie Ausführung Hand in Hand gingen. An dieses Modell knüpft das neue Konzept an, indem es unterschiedliche Disziplinen zusammenführt und den Austausch zwischen ihnen systematisch organisiert.
Neben den inhaltlichen Aspekten spielt auch die Situation auf dem Arbeitsmarkt eine entscheidende Rolle. Die Handwerkskammer für Oberfranken verweist auf einen wachsenden Bedarf an qualifizierten Fachkräften, insbesondere für anspruchsvolle Restaurierungsarbeiten. Bereits vor einigen Jahren habe ein Austausch mit dem Staatlichen Bauamt Bamberg gezeigt, dass für Projekte wie Arbeiten am Bamberger Dom geeignetes Personal fehle, erinnert sich Kammerpräsident Matthias Graßmann.
Ein wesentlicher Grund hierfür liegt im demografischen Wandel. Viele erfahrene Fachkräfte erreichen das Rentenalter, wodurch umfangreiches Wissen verloren geht. Dieser Prozess vollzieht sich oft innerhalb kurzer Zeit, so dass Betriebe vor der Herausforderung stehen, ihre Expertise zu sichern und weiterzugeben. Gleichzeitig fällt es vielen Unternehmen schwer, Nachwuchs zu finden oder geeignete Nachfolgerinnen und Nachfolger für die Betriebsführung zu gewinnen.
Hier setzt der neue Studiengang ebenfalls an. Nach Angaben der Kammer soll der Bachelorabschluss nicht nur fachliche Qualifikationen vermitteln, sondern auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse einschließen. Dadurch könnten Absolventinnen und Absolventen besser auf die Übernahme oder Gründung eines eigenen Betriebs vorbereitet werden. Der kombinierte Abschluss aus Studium und Gesellenprüfung eröffne neue Perspektiven und mache das Handwerk für junge Menschen attraktiver.
Auch die Anforderungen im Bauwesen verändern sich grundlegend. Themen wie Klimaschutz, Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit gewinnen an Bedeutung und beeinflussen die Art, wie gebaut und saniert wird. Der Umgang mit historischer Bausubstanz erfordert dabei ein besonderes Maß an Sensibilität und Fachwissen. Es gehe nicht nur darum, Gebäude zu erhalten, sondern sie an moderne Bedürfnisse anzupassen, ohne ihren Charakter zu verlieren.
Interessierte können sich ab Anfang Mai 2026 für das Wintersemester einschreiben. Die beteiligten Institutionen erwarten, dass das Angebot auf großes Interesse stößt, da es eine Lücke im bisherigen Bildungssystem schließt. In einer Zeit, in der die Qualität des Bauens und der Erhalt kultureller Substanz zunehmend in den Mittelpunkt rücken, könnte der Studiengang neue Impulse setzen und dazu beitragen, verloren gegangenes Wissen wieder zugänglich zu machen.

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