Es war in den 1860er-Jahren. In der Karwoche herrschte in den engen Gassen von Ebern eine andächtige, fast unheimliche Stille. Für die kleine Lotte war der Karfreitag der traurigste Tag des Jahres. Denn pünktlich zum Gloria am Gründonnerstag waren die Glocken der Stadtpfarrkirche St. Laurentius verstummt.
„Mutter, wo sind die Glocken hin?“, fragte Lotte jedes Jahr aufs Neue. Und die Mutter antwortete stets mit dem alten Glauben: „Sie sind nach Rom geflogen, Lotte, um dort den Ostersegen zu holen. Aber hab Geduld, in der Osternacht kehren sie zurück und bringen die Ostereier mit!“
Da die Glocken nicht läuten durften, um die Gläubigen zur Kirche zu rufen, zogen die Eberner Buben mit hölzernen Ratschen und Klappern durch die Straßen. Ihr lautes „Ratsch, ratsch, zum englischen Gruß!“ hallte vom Grauturm bis hinunter zur Spitalkirche.
Am Karsamstag hielt es Lotte vor Aufregung kaum aus. Doch dieses Jahr war der Frühling streng. Ein eisiger Ostwind fegte durch den Baunachgrund, und die Erwachsenen machten sich Sorgen um die Ernte.
Am Ostermorgen, noch weit vor Sonnenaufgang, schlich sich Lotte aus dem Bett. Sie wollte die Erste sein, die das Osterwasser aus der Baunach schöpfte. Die Alten im Ort erzählten sich nämlich, dass Osterwasser, das man schweigend und gegen den Strom schöpft, bevor die Sonne den Horizont berührt, beschützende Kräfte besitzt und das ganze Jahr über Schönheit und Gesundheit schenkt. Früher wuschen sich nämlich junge Frauen mit dem Wasser, um ihre Haut zu verschönern und Gesundheit zu fördern. Es wurde auch Vieh damit besprengt, um es vor Krankheiten zu schützen.
Mit einem kleinen Krug bewaffnet lief Lotte hinunter zum Fluss. Der Nebel lag dicht über den Wiesen. Lotte schöpfte das eiskalte Wasser – absolut still, so wie es der Brauch verlangte. Als sie sich umdrehte, um schweigend zurückzugehen, passierte es: Ein dumpfer, mächtiger Ton riss die morgendliche Stille entzwei. Die Glocken von St. Laurentius waren aus Rom zurückgekehrt und läuteten die Auferstehung ein!
Vor Schreck hätte Lotte beinahe das Schweigegebot gebrochen. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und blickte im ersten fahlen Morgenlicht hinauf zum Käppele, wo einst eine alte Kapelle lag. Und genau im Moment, als die Sonnenstrahlen die Turmspitze von St. Laurentius trafen, sah sie im dichten Gebüsch am Wegrand etwas Buntes aufblitzen.
Sie lief hin. Als sie die dornigen Hecken beiseite bog, fand sie kein gewöhnliches Nest. Auf einem weichen Bett aus frischem Moos lagen sechs wunderschöne, mit Petersilie grün und mit Roter Bete rot gefärbte Eier. Doch das Schönste war: Genau in der Mitte saß ein aus Holz geschnitztes kleines Lamm – das Symbol des Friedens.
Lotte nahm das Osterwasser und ihre Beute mit nach Hause. Das ganze Jahr über blieb die Familie von Krankheit verschont. Und das kleine Holzlamm? Das wurde in Lottes Familie von Generation zu Generation weitergereicht, als Erinnerung an jenen magischen Ostermorgen im alten Ebern.

Kommentare
Kommentar veröffentlichen