Geografie nach Redaktionsschluss: Wie Ebern in die Haßberge rutschte ­– mit App!


„Haßfurt in den Haßbergen“ – auf diese Idee käme vermutlich nicht einmal die kühnste Lokalredaktion zwischen Mainufer und Marktplatz. Zu offensichtlich wäre der Irrtum. Haßfurt liegt im Maintal, und niemand würde ernsthaft behaupten, das Städtchen am Main sei plötzlich voralpin geworden. Bei Ebern dagegen scheint die geografische Fantasie regelmäßig Purzelbäume zu schlagen. Kaum vergeht eine Woche, ohne dass irgendwo wieder von „Ebern in den Haßbergen“ zu lesen ist. Besonders eifrig pflegt diese Formulierung die „Neue Presse“, doch auch andere Zeitungen im Landkreis bedienen sich dieser bemerkenswerten Ortsverlagerung mit erstaunlicher Beharrlichkeit.

Dabei reicht ein kurzer Blick aus dem Fenster, um die Sache aufzuklären. Wer in Ebern steht, steht nicht mitten in den Haßbergen, sondern im Baunachgrund – oder im Itz-Baunach-Hügelland. Wer den Grauturm hinaufklettert, erkennt die Haßberge in Sichtweite, ja. Man blickt hinüber, fährt hindurch, wandert dort vielleicht am Wochenende oder genießt den Ausblick. Aber genau das ist der Punkt: Man fährt erst dorthin. Denn Ebern liegt davor, darunter, daneben – nur eben nicht „in den Haßbergen“.

Es ist ein eigenartiges Phänomen der zeitgenössischen Lokalberichterstattung. Seit der Gebietsreform von 1972 gehört Ebern formal zum Landkreis Haßberge. Verwaltungstechnisch mag das teilweise sinnvoll sein, wobei es dazu auch andere Ansichten gibt. Geografisch scheint der Landkreisname allerdings bei manchen Redaktionen inzwischen auszureichen, um aus einer Tallage kurzerhand eine Gebirgslandschaft zu machen. Nach der selben Logik könnte man irgendwann wohl auch „Würzburg in der Rhön“ schreiben, nur weil sich irgendwo eine passende Verwaltungsgrenze findet.

Vielleicht steckt dahinter schlicht Gewohnheit. Wer ständig über den Landkreis Haßberge berichtet, übernimmt irgendwann automatisch die Formulierung „in den Haßbergen“, selbst wenn sie geografisch nicht stimmt. Womöglich entsteht dort beim Schreiben die stille Hoffnung, Ebern könne mit genügend Wiederholungen doch noch zum Höhenkurort aufsteigen.

Natürlich könnte man das alles achselzuckend als sprachliche Nachlässigkeit abtun. Doch je häufiger eine Formulierung auftaucht, desto mehr wirkt sie irgendwann wie eine offiziell abgesegnete Wahrheit. Gerade deshalb sorgt die Sache in Ebern regelmäßig für Stirnrunzeln. Denn die Geografie lässt sich nun einmal nicht beliebig umschreiben. Ein Landkreisname ersetzt keine Landschaftskarte.

Besonders bemerkenswert ist dabei, wie tief sich die Formulierung inzwischen offenbar eingebrannt hat. Selbst die neue CSU-Bürgermeisterin von Ebern verwendet auf ihrer privaten Facebook-Seite inzwischen die Wendung „Ebern in den Haßbergen“. Man kann darüber schmunzeln, aber zugleich zeigt es, wie erfolgreich sich bestimmte Sprachbilder festsetzen. Irgendwann wird aus einer ungenauen Beschreibung plötzlich eine Selbstverständlichkeit.

Und so beginnt in vielen Haushalten zwischen Grauturm und Marktplatz offenbar ein vertrautes Ritual: Zeitung aufschlagen, Artikel lesen, kurz stocken. Da steht es wieder. „Ebern in den Haßbergen.“ Fast möchte man den Rotstift zücken wie früher die Lehrer bei Diktaten. Vielleicht müsste man manchen Redaktionen einfach einmal eine Wanderkarte schenken – mit farblich markierter Tallage und einem freundlichen Hinweis auf den Unterschied zwischen Landkreis und Landschaft.

Die Sache hat inzwischen sogar Unterhaltungswert bekommen. Passend zur Debatte erscheint bei uns nämlich exklusiv die kleine App „Geografie-Retter“, ein Ratespiel beziehungsweise Wissensspiel rund um die Frage, wo Ebern eigentlich liegt – und wo eben nicht. Eine herrlich fränkische Idee: Wenn schon die Geografie ständig verrutscht, dann wenigstens spielerisch. Wer die App ausprobiert, kann mitreden, wenn irgendwo wieder jemand behauptet, Ebern liege mitten zwischen Höhenlagen und Pseudo-Gipfeln.

Vielleicht entwickelt sich daraus ja noch eine ganz neue Disziplin des kommunalpolitisch geprägten Lokaljournalismus: die kreative Geografie. Städte wandern durch Landschaften, Täler steigen zu Gebirgen auf, und Orte werden so lange umetikettiert, bis sie besser ins gewünschte Bild passen. Denkbar wäre vieles. Vielleicht heißt es irgendwann auch noch „Bamberg in der Fränkischen Schweiz“ oder „Coburg im bayerischen Voralpenland“.

Die Menschen in Ebern nehmen die Sache ohnehin meist mit jener trockenen Gelassenheit, die in Franken oft die eleganteste Form des Widerspruchs ist. Man weiß schließlich selbst, wo man wohnt. Niemand benötigt Sauerstoffflaschen für den Einkauf beim Bäcker, und bislang musste auch noch kein Sessellift vom Marktplatz zum Bahnhof gebaut werden.

Dennoch zeigt die Diskussion, wie mächtig Sprache sein kann. Wer Orte beschreibt, beschreibt immer auch Identität. Zwischen „im Landkreis Haßberge“ und „in den Haßbergen“ liegt eben mehr als nur eine kleine Formulierung. Dazwischen liegen Tal und Höhenzug, Verwaltung und Landschaft, nüchterne Karte und erzählerische Ausschmückung.

Während in den Redaktionen vermutlich längst die nächste Schlagzeile vorbereitet wird, sitzt irgendwo in Ebern wieder jemand beim Frühstückskaffee, schlägt die Zeitung auf und ahnt bereits, was ihn erwartet. Vielleicht folgt dann nur noch ein leises Kopfschütteln. Vielleicht aber auch der spontane Griff zur neuen App – einfach zur Kontrolle, ob die Geografie über Nacht erneut verschoben wurde.



Ebern Geografie-Retter
Schluss mit dem „In den Haßbergen“-Mythos!
Punkte: 0
⛰️ Der Fakten-Check
270m (Ebern)
Baunachgrund
VS
512m (Nassacher Höhe)
Haßberge

Die Redaktion schläft!

Klicke nur die Schlagzeilen an, die behaupten, Ebern läge in den Haßbergen.



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