Wenn Statistiker die Republik vermessen, entstehen bisweilen Karten, die mehr Fragen aufwerfen als beantworten. Das „Institut der Deutschen Wirtschaft“ hat mit seinem „IW-Gemeindecheck Daseinsvorsorge“ [➚] nichts Geringeres versucht als die große Bestandsaufnahme der Lebensqualität in Deutschlands Städten und Gemeinden. Untersucht wurden 10.817 Kommunen, bewertet nach Bildung, Gesundheit, Mobilität, Digitalisierung und Freizeit. Die Datenbasis reicht von der Erreichbarkeit von Hausärzten und Schulen über Breitbandanschlüsse bis hin zu Schwimmbädern, Autobahnen und Theaterangeboten. Sogar eine repräsentative Befragung von mehr als 5.400 Menschen floss in die Berechnung ein.
Herausgekommen ist ein Ranking, das auf den ersten Blick beeindruckend wirkt – und auf den zweiten Blick erstaunliche Brüche offenbart. Denn während Metropolen wie Berlin, Nürnberg oder Fürth erwartbar weit vorne landen, tauchen plötzlich kleine Orte im Spitzenfeld auf, die weder ein Krankenhaus noch eine ausgeprägte Infrastruktur besitzen. Andere Städte wiederum, die über Kliniken, Fachärzte und gewachsene Versorgungsstrukturen verfügen, schneiden auffallend mäßig ab. Besonders kurios wirkt dies in der Kategorie „Gesundheit“.
Das Institut verweist darauf, dass der Gesamtrang nicht einfach aus dem Durchschnitt der Einzelränge berechnet werde. Stattdessen seien standardisierte Indexwerte miteinander verrechnet worden. Schon dieser methodische Hinweis klingt für viele Leser eher nach mathematischer Kunstsprache als nach einer unmittelbar nachvollziehbaren Erklärung. Denn die Platzierungen wirken gerade im Bereich der medizinischen Versorgung stellenweise schwer greifbar.
Ein Blick nach Franken: Die Stadt Coburg erreicht bundesweit Rang 558 und wird insgesamt zwar mit „sehr gut“ bewertet. Aber im Bereich Gesundheit liegt Coburg auf Rang 640. Das benachbarte Bamberg landet auf Rang 718, ebenfalls mit der Spitzennote „sehr gut“, in der Gesundheitswertung jedoch nur auf Rang 975. Dabei verfügen beide Städte über große Kliniken, Facharztzentren und eine medizinische Infrastruktur, von der ländliche Regionen seit Jahren träumen. Wer regelmäßig versucht, in kleineren Gemeinden einen Facharzttermin zu erhalten, dürfte über solche Platzierungen zumindest stutzen.
Noch auffälliger wird es im Landkreis Haßberge. Dort erscheint Ebern mit einem Gesundheitsrang von 225 geradezu glänzend positioniert. Bundesweit erreicht die Stadt Rang 1.124 und gehört laut IW damit ebenfalls zur Kategorie „sehr gut“. Ausgerechnet Ebern verlor jedoch 2025 den Rest seines Krankenhauses. Die stationäre Versorgung wurde vollends eingestellt – ein Einschnitt, der die Region politisch und emotional stark beschäftigte. Trotzdem attestiert die Studie eine hervorragende gesundheitliche Versorgung.
Ähnlich bemerkenswert wirkt die Einordnung anderer Orte, die in den vergangenen Jahren Klinikstandorte verloren haben. Schongau liegt beim Gesundheitsranking auf Rang 708, obwohl dort 2024 das Krankenhaus geschlossen wurde. Mainburg erreicht Rang 614, obwohl die Klinik 2025 deutliche Einschnitte mit einer Teilschließung von Orthopädie und Chirurgie hinnehmen musste. Tirschenreuth landet bei der Gesundheitsversorgung auf Rang 478 und zählt insgesamt weiterhin zu den „sehr guten“ Kommunen. Auch Selb, Lindenberg, Hammelburg oder Freilassing erscheinen trotz ihrer jeweiligen Klinikschließungen beziehungsweise massiver Einschnitte weiterhin vergleichsweise gut bewertet.
Besonders irritierend wird das Bild dort, wo Gemeinden ohne Krankenhaus und teilweise sogar ohne Hausärzte überraschend in der oberen Hälfte auftauchen. Rentweinsdorf erreicht beim Gesundheitsranking Rang 3.492 (von 10.817) und landet insgesamt immerhin noch in der Kategorie „gut“. Die Gemeinde besitzt allerdings weder ein Krankenhaus noch einen Hausarzt. Untermerzbach (mit einem Hausarzt) liegt beim Gesundheitswert geringfügig besser auf Gesundheitsrang 3.455. Pfarrweisach erreicht im Bereich Gesundheit nur Rang 4.948, obwohl dort wiederum zwei Hausärzte praktizieren. Eltmann schneidet noch schlechter ab und kommt beim Gesundheitsranking auf Rang 5.733 – trotz mehrerer Arztpraxen in der Stadt.
Der Eindruck entsteht, dass weniger die tatsächliche Versorgung vor Ort bewertet wurde als vielmehr die rechnerische Erreichbarkeit bestimmter Angebote innerhalb größerer geografischer Räume. Genau darauf deutet die Methodik hin. Das IW erklärt, die Erreichbarkeiten seien auf Basis von 100-mal-100-Meter-Zellen des Zensus berechnet worden. Vereinfacht gesagt: Entscheidend ist offenbar weniger, ob sich ein Krankenhaus tatsächlich im Ort befindet, sondern wie schnell theoretisch ein anderes erreicht werden kann – wobei auch hier Zweifel aufkommen, siehe das Beispiel Eltmann.
Das führt zu eigentümlichen Konstellationen. Eine Kleingemeinde kann in der Statistik gut abschneiden, weil in benachbarten Städten Ärzte, Apotheken oder Pflegeeinrichtungen existieren. Die tatsächliche Erfahrung der Menschen vor Ort – etwa lange Wartezeiten, fehlende Facharzttermine oder überfüllte Notaufnahmen – bildet sich in solchen Modellen nur begrenzt ab. Gerade im ländlichen Raum, wo Busverbindungen ausgedünnt und Fahrzeiten lang sind, klingt die rechnerische „Erreichbarkeit“ oft besser als die Realität zwischen Dorfstraße und Landarztpraxis.
Das zeigt sich besonders im Vergleich zwischen Haßfurt und anderen Nachbargemeinden. Haßfurt mit seinem Krankenhaus verfügt über deutlich mehr Infrastruktur, Facharztangebote und Verkehrsanbindungen als viele Orte der Umgebung. Dennoch landet die Stadt in der Gesundheitswertung lediglich auf Rang 612 (schlechter als Ebern!) und insgesamt auf Rang 2.077 (ebenfalls schlechter als Ebern). Gleichzeitig schneiden kleinere Gemeinden keineswegs dramatisch schlechter ab. Für Bürger, die den Alltag mit Terminmangel und längeren Wegen erleben, wirken die Differenzen erstaunlich. Offensichtlich wurden Krankenhausschließungen nicht überall berücksichtigt, obwohl sie sich zumindest abzeichneten. Auch Hofheim i.Ufr. liefert ein bemerkenswertes Beispiel. Das dortige Krankenhaus wurde bereits 2017 geschlossen. Trotzdem erreicht die Stadt beim Gesundheitsranking noch Rang 2.353 und wird insgesamt mit „mittel“ bewertet.
Die medizinische Versorgung gehört traditionell zur öffentlichen Daseinsvorsorge. Dahinter steht die Vorstellung, dass der Staat unabhängig von wirtschaftlichen Interessen eine flächendeckende Grundversorgung sicherstellen müsse – ambulant, stationär und im Notfall. Genau deshalb reagieren viele Regionen empfindlich, wenn Kliniken geschlossen werden. Ein Krankenhaus gilt nicht bloß als Gebäude mit Betten, sondern als sichtbares Zeichen dafür, dass der Staat präsent bleibt.
Im IW-Ranking entsteht jedoch mitunter der Eindruck, als könne eine Region selbst dann hervorragend versorgt sein, wenn das Krankenhaus längst verschwunden ist. Das mag statistisch erklärbar sein, gesellschaftlich wirkt es dennoch eigentümlich. Denn medizinische Versorgung besteht nicht allein aus Luftlinien und Fahrzeiten. Sie hängt auch davon ab, ob Rettungswagen verfügbar sind, ob Fachpersonal vorhanden ist und ob Patienten zeitnah behandelt werden können.
Die Studie produziert dadurch eine eigentümliche Verschiebung der Perspektive. Große Städte mit dichter Infrastruktur landen keineswegs automatisch an der Spitze. Würzburg etwa erreicht in der Gesundheitskategorie zwar einen starken Rang 154, fällt insgesamt aber auf Rang 1.705 zurück. Bamberg besitzt ein Maximalversorger-Klinikum und zahlreiche Facharztangebote, rangiert jedoch hinter kleineren Städten wie Ebern oder Münchberg. Münchberg wiederum erreicht beim Gesundheitswert Rang 264 und schneidet damit deutlich besser ab als manche Oberzentren.
Auch die Digitalisierung sorgt für erstaunliche Gegensätze. Parsberg beispielsweise liegt bei Mobilität weit vorne, fällt digital jedoch auf Rang 10.522 zurück. Kirchlauter wiederum erreicht beim digitalen Angebot Rang 851, landet insgesamt aber nur im Bereich „schlecht“. Die Ranglisten lesen sich streckenweise wie eine Mischung aus geografischem Puzzle und mathematischer Fingerübung.
Kurios wirkt zudem, dass sogar gemeindefreie Gebiete – praktisch ohne Wohnbevölkerung – in der Tabelle auftauchen. Der „Veldensteiner Forst“ oder „Fichtelberg (gemeindefrei)“ erscheinen mit eigenen Platzierungen, obwohl dort kaum jemand wohnen dürfte. Solche Einträge verstärken den Eindruck, dass hier ein statistisches Gesamtsystem entstanden ist, das zwar vollständig wirken soll, aber nicht immer alltagsnah erscheint.
Interessant ist außerdem der Gegensatz zwischen Mobilität und Gesundheit. Ebern etwa schneidet im Gesundheitsbereich glänzend ab, erreicht bei Mobilität jedoch nur Rang 6.645 – trotz stündlicher Bahnverbindungen nach Bamberg. Wer jedoch auf ein Krankenhaus oder einen Facharzt angewiesen ist, dürfte Mobilität kaum von Gesundheit trennen. Schlechte Verkehrsverbindungen verändern unmittelbar die Erreichbarkeit medizinischer Angebote. Genau diese Wechselwirkung lässt sich in Tabellen nur bedingt erfassen.
Das Institut betont zwar, dass viele Mittel- und Kleinstädte überraschend gut abschneiden würden. Tatsächlich zeigt die Untersuchung, dass ländliche Räume keineswegs automatisch abgehängt sind. Dennoch entsteht beispielsweise in unserer Region ein Bild voller Widersprüche. Orte mit Klinikschließungen rangieren weiterhin erstaunlich weit oben, während größere Städte trotz umfangreicher Infrastruktur nur mittelmäßige Platzierungen erhalten.
Die Studie entfaltet dadurch beinahe unfreiwillig eine politische Dimension. Seit Jahren wird über Krankenhausreformen, Zentralisierung und Wirtschaftlichkeit diskutiert. Befürworter größerer Klinikstrukturen argumentieren häufig, moderne Versorgung müsse nicht zwingend wohnortnah stattfinden. Entscheidend seien Qualität und Spezialisierung. Genau hier liefern die Rankings eine argumentative Vorlage: Wenn selbst Städte ohne Krankenhaus noch gute Gesundheitswerte erreichen, erscheint die Schließung einzelner Standorte statistisch weniger dramatisch.
Für viele Menschen im ländlichen Raum dürfte diese Sichtweise allerdings schwer vermittelbar sein. Wer nachts mit dem Rettungswagen längere Wege fahren muss oder monatelang auf einen Facharzttermin wartet, erlebt Versorgung anders als ein Rechenmodell. Zwischen Indexwert und Wirklichkeit entsteht eine Lücke, die sich nicht mit standardisierten Kategorien schließen lässt.
Und so erzählt der „IW-Gemeindecheck Daseinsvorsorge“ am Ende weniger eine eindeutige Geschichte über Deutschlands Infrastruktur als vielmehr eine über die Grenzen statistischer Ordnungssysteme. Die Tabellen liefern Tausende Zahlen, berechnet und auf Nachkommastellen verdichtet. Doch gerade dort, wo es um Krankenhäuser, Hausärzte und medizinische Versorgung geht, beginnt hinter den Ranglisten eine Wirklichkeit, die sich nicht ohne Weiteres in Punkte und Platzierungen übersetzen lässt.

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