Die Zukunft der evangelischen Kirchenstruktur in Nordbayern sorgt derzeit für Gesprächsstoff weit über die Grenzen einzelner Kirchengemeinden hinaus. Auslöser der jüngsten Debatte war der Kirchenvorstehertag des evangelisch-lutherischen Dekanates Rügheim in Maroldsweisach, bei dem sich die neue Regionalbischöfin Berthild Sachs zur Kirche des Jahres 2035 äußerte. Die Botschaft fiel deutlich aus: Die evangelische Kirche werde in den kommenden Jahren tiefgreifende Veränderungen erleben. Was vielerorts noch als langfristige Planung erscheint, könnte für das Dekanat Rügheim schon bald ganz konkrete Folgen haben.
Wer die aktuelle Berichterstattung verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, die Diskussion habe erst in diesen Tagen begonnen. Tatsächlich lagen entsprechende Überlegungen bereits deutlich früher auf dem Tisch. Schon das Sonntagsblatt [➚] berichtete Anfang Juli 2025 über weitreichende Strukturreformen innerhalb der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Damals blieb die Resonanz in unserer Region überschaubar. Nun aber erreichen die Planungen die Gemeinden unmittelbar – und plötzlich wird sichtbar, dass hinter Organisationsdiagrammen durchaus Fragen von Identität, Tradition und regionaler Zugehörigkeit stehen.
Die Ausgangslage ist schnell erklärt. Die Landeskirche rechnet bis zum Jahr 2035 mit einschneidenden Veränderungen. Die Zahl der Mitglieder werde gegenüber dem Jahr 2020 um rund 40 Prozent sinken. Gleichzeitig werde es deutlich weniger hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geben, da viele Angehörige der Babyboomer-Generation in den Ruhestand treten und kleinere Nachwuchsjahrgänge nachrücken. Auch die finanziellen Möglichkeiten dürften sich verringern, weil die Kirchensteuereinnahmen eng mit der Mitgliederentwicklung verbunden seien. Die Verantwortlichen sehen deshalb Handlungsbedarf und möchten die kirchlichen Strukturen anpassen.
Dekanat Rügheim soll seine Eigenständigkeit verlieren
In diesem Zusammenhang soll das Dekanat Rügheim seine Eigenständigkeit verlieren. Nach den bisher bekannten Überlegungen würde es gemeinsam mit Schweinfurt, Bad Neustadt und Teilen von Lohr am Main eine neue größere Einheit bilden. Als Hauptsitz ist derzeit Schweinfurt vorgesehen. Ob Rügheim künftig noch eine Nebenrolle als weiterer Standort spielen wird, gilt als offen.
Auf den ersten Blick klingt eine solche Neuordnung nach einer klassischen Verwaltungsfrage. Doch gerade in Franken haben geografische Grenzen, historische Entwicklungen und regionale Bindungen oft eine größere Bedeutung, als man auf einer Landkarte vermuten würde.
Das heutige Dekanat Rügheim verfügt über eine lange Tradition. Dass sich der Dekanatssitz ausgerechnet in dem vergleichsweise kleinen Ort Rügheim befindet, hat historische Gründe. Bereits vor der Reformationszeit war der Ort eine bedeutende Urpfarrei. Schon 1527 wurden dort die ersten evangelischen Gottesdienste gefeiert. Seit 1809 ist Rügheim Dekanatssitz. Die kirchliche Struktur ist also keineswegs das Ergebnis moderner Verwaltungsplanung, sondern Ausdruck einer über Jahrhunderte gewachsenen Entwicklung.
Auch Ebern besitzt in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle. Vielen ist heute kaum noch bekannt, dass es von 1964 bis 1972 ein eigenständiges evangelisches Dekanat Ebern gab. Erst nach der damaligen Neuordnung verschwand diese kirchliche Einheit. Im Zuge der Veränderungen wurde Ebern in das Dekanat Rügheim eingegliedert. Parallel dazu wurde der Landkreis Ebern aufgelöst. Die damalige Kreisgebietsreform wird bis heute nicht überall als Erfolgsgeschichte betrachtet. Manche Entscheidungen wirken noch Jahrzehnte später nach.
Genau hier wird die aktuelle Diskussion interessant. Während die Landeskirche die Bedeutung von Dekanatsgrenzen zurückhaltend bewertet und darauf verweist, dass diese Ebene vor allem unterstützende, planende und vernetzende Aufgaben erfülle, stellt sich vor Ort eine andere Frage: Welche Auswirkungen haben solche Veränderungen auf das regionale Selbstverständnis der Gemeinden?
Bemerkenswert erscheint dabei ein Umstand, der in der jüngeren Lokalberichterstattung kaum eine Rolle spielte. Das Dekanat Rügheim gehört nicht etwa zu einem unterfränkischen Kirchenkreis, sondern zum Kirchenkreis Bayreuth. Damit sind auch Ebern und die östlichen Bereiche des Dekanats Teil einer kirchlichen Struktur, die traditionell stark nach Oberfranken orientiert ist. Seit März 2025 steht Berthild Sachs als Regionalbischöfin an der Spitze dieses Kirchenkreises. Demgegenüber gehören Schweinfurt, Bad Neustadt, Lohr am Main und Bad Kissingen zum Kirchenkreis Ansbach-Würzburg.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob eine vollständige Eingliederung des gesamten Dekanats Rügheim in eine neue Einheit mit Sitz in Schweinfurt tatsächlich die einzige denkbare Lösung sein muss. Die östlichen Gemeinden rund um Ebern und Maroldsweisach orientieren sich traditionell vielfach nach Oberfranken. Nicht wenige Wege des Alltags, wirtschaftliche Verbindungen und persönliche Netzwerke verlaufen eher in diese Richtung als nach Schweinfurt.
Die Diskussion erinnert dabei an Erfahrungen, die viele Menschen in der Region bereits aus anderen Bereichen kennen. Wer in Ebern einen Termin in Schweinfurt wahrnehmen möchte, weiß: Rund 50 Kilometer Entfernung, keine direkte Bahnverbindung und keine direkte Autobahnverbindung machen die Reise aufwendiger, als es die Landkarte vermuten lässt.
Bereits heute gibt es verschiedene Einrichtungen, die den Landkreis Haßberge nach Schweinfurt orientieren lassen. Beispiele finden sich beim Arbeitsgericht, bei der Sparkassenstruktur oder in der Planungsregion Main-Rhön. Dennoch wird immer wieder darauf hingewiesen, dass sich diese Zuordnungen insbesondere für den Raum Ebern nicht immer als besonders praktikabel erwiesen hätten. Deshalb stellt sich die Frage, ob die kirchlichen Planungen ähnliche Herausforderungen mit sich bringen könnten.
Neue Regionalgemeinden mit mindestens 8.500 Mitgliedern
Gleichzeitig zielen die Reformpläne nicht auf die Auflösung von Kirchengemeinden ab. Vielmehr sollen größere Verwaltungseinheiten entstehen. Nach den Vorstellungen der Landeskirche könnten sogenannte Regionalgemeinden gebildet werden. Diese müssten mindestens 8.500 Gemeindemitglieder umfassen und von mehreren hauptamtlichen Kräften gemeinsam betreut werden. Neben Pfarrerinnen und Pfarrern würden dabei auch Religionspädagoginnen, Diakone und Verwaltungsfachleute wichtige Aufgaben übernehmen.
Für das Dekanat Rügheim wird bereits über mögliche regionale Zusammenschlüsse nachgedacht. Als Beispiel wurde eine „Region Nord“ genannt, die unter anderem die Pfarreien Maroldsweisach und Burgpreppach umfassen könnte. Ziel wäre eine intensivere Zusammenarbeit, ohne die örtlichen Gemeinden aufzugeben. Gleichzeitig läuft die Gebäudeplanung auf Hochtouren. Bis Ende 2026 soll geklärt werden, welche kirchlichen Gebäude langfristig aus Kirchensteuermitteln finanziert werden können. Dekanin Anne Salzbrenner bezeichnete diese Aufgabe als eines der großen Themen der kommenden Jahre.
Während die Verantwortlichen in Unterfranken die geplanten Großdekanate als zukunftsfähige Lösung betrachten, wirft die Situation des Dekanats Rügheim dennoch besondere Fragen auf. Das Gebiet liegt politisch in Unterfranken, gehört kirchlich jedoch zum Kirchenkreis Bayreuth und weist insbesondere im Raum Ebern und Maroldsweisach enge Verbindungen nach Oberfranken auf. Die Geschichte des Dekanats und die empfundene räumliche Nähe zu oberfränkischen Zentren spielen dabei weiterhin eine wichtige Rolle.
Deshalb erscheint die Frage berechtigt, ob das Dekanat vollständig in eine neue Einheit mit Sitz in Schweinfurt eingegliedert werden muss. Denkbar wäre auch, die westlichen Bereiche stärker nach Schweinfurt auszurichten, während die östlichen Gemeinden im Kirchenkreis Bayreuth verbleiben. Eine solche Möglichkeit wurde bislang öffentlich nicht diskutiert.
In den kommenden Monaten werden die zuständigen Gremien über die weitere Entwicklung beraten. Für die Kirchengemeinden im Raum Ebern dürfte dabei von besonderem Interesse sein, welche Rolle der Kirchenkreis Bayreuth künftig spielen wird und ob die gewachsenen regionalen Bindungen in den weiteren Planungen ausreichend berücksichtigt werden.

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